Wie der Schmerz neue Wege öffnet – Queen & English Vinglish

| 1 Kommentar

“For me the film is about getting over herself,
you know, all the things that she believed,
or she’s been taught, or she’s been told.”
Vikas Bahl

Sowohl Queen (2014) als auch English Vinglish (2012) handeln von Frauen, die auf Grund gewisser Umstände völlig aus sich heraus wachsen und eine intensive Persönlichkeitsentwicklung erfahren. Queen wurde von Box Office India sogar für einen „Hit“ erklärt und kam erst im März dieses Jahres in die indischen Kinos. Bereits einen Monat später wurde der Film am 27. April auf dem „Indischen Filmfest“ in Münster (www.chalo-india.de) gezeigt. Das deutsche Publikum war begeistert – mindestens so sehr, wie das indische. Während Queen den Zuschauer mit sozial-kritischen Themen konfrontiert und diverse Klischees überwindet, geht English Vinglish sehr tief in die Rolle der indischen Frau ein. English Vinglish ist das Werk einer Frau (Gauri Shinde) während Queen aus reiner Männerhand (Vikas Bahl) stammt. Dennoch werden beide Filme gleichermaßen von einer geballten Portion Frauen-Power getragen. Sowohl Gauri Shinde, als auch Vikas Bahl gelingt es nämlich in einer kraftvollen, wenn auch subtilen Weise, die Entwicklung einer unmündigen und hilflosen Persönlichkeit zu einer selbstbestimmten und starken, indischen Frau, inmitten von Tradition und Moderne, Ost und West, in Szene zu setzten.

Shashi spielt in English Vinglish eine traditionell-indische Hausfrau im Sari. Sie bemüht sich stets, ihren Aufgaben als Ehefrau, Schwiegertochter und Mutter gerecht zu werden. Dabei drängt sie ihre eigenen Bedürfnisse häufig in den Hintergrund. Trotz ihres hingebungsvollen Einsatzes, erfährt Shashi ständig Erniedrigungen und Kränkungen – ganz besonders seitens ihrer Tochter und ihres Ehemannes: So etwa der familiäre Habitus, sich herzhaft darüber zu amüsieren, wie schlecht Shashi doch English spricht. Auch ihr Engagement, selbst gemachte Laddoos privat zu verkaufen, wird ständig parodiert. Shashi ist schließlich völlig überfordert, als ihre Schwester sie nach New York bestellt, um bei den Hochzeitsvorbereitungen ihrer Tochter zu helfen. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Reise zu begeben – völlig unsicher und ängstlich! Ihr enormes Sprachdefizit bringt sie in den USA ständig an ihre Grenzen. Als sie schon aufgeben will entdeckt sie plötzlich auf einem vorbeifahrenden Bus eine ihr Leben verändernde Werbeannonce: „Englisch lernen in nur vier Wochen!“

In Queen lässt sich die vierundzwanzigjährige Rani aus Delhi nur zwei Tage vor ihrer Hochzeit auf ein heimliches Treffen mit ihrem Verlobten Vijay ein. Das, was er ihr dabei zu berichten hat, ist jedoch keineswegs erfreulich: Er bläst die Hochzeit Hals über Kopf ab! In Ranis Kopf spielen die Gedanken verrückt und immer wieder ertönen in ihr seine Worte: sie sei noch immer dieselbe geblieben, während er sich aber im Auslandsstudium verändert habe. Stück für Stück gewährt der Film jedoch auch einen tiefen Einblick in die langjährige Liebesbeziehung zwischen Rani und Vijay, so dass ihr tief empfundener Schmerz noch viel besser nachvollzogen werden kann; umso weniger ist dadurch jedoch das Verhalten Vijays zu verstehen. Auch Rani begibt sich daraufhin auf die Reise, allerdings nicht nach New York, sondern nach Paris und Amsterdam – waren doch die Flitterwochen ohnehin schon gebucht! Shashi und Rani sind zum ersten Mal alleine im Ausland – ja, alleine überhaupt! Beiden fällt der Start in der Fremde zunächst noch sehr schwer: Während Shashi vornehmlich mit den Sprachbarrieren zu kämpfen hat, wird Rani z. B. von einem Dieb überfallen und ständig mit unsäglich vielen, moralischen Herausforderungen konfrontiert. Sowohl Shashi als auch Rani erfahren in der Fremde jedoch etwas ganz Besonderes: Die Liebe – die Liebe zu sich selbst! Shashi und Rani lernen im Ausland viele, neue Menschen kennen: einmal sind es die Kommilitonen eines Sprachkurses oder etwa die Zimmergenossen einer internationalen Herberge. In beiden Fällen sind es aber Menschen, die so ganz anders sind – ja, völlig anders denken und anders leben – als sie selbst. Und doch werden gerade diese fremdartigen Menschen deren Freunde. Und durch ausgerechnet diese Freunde finden Shashi und Rani einen völlig neuen Zugang zu sich selbst. Vikas Bahl lässt Queens Hauptprotagonistin Rani und somit auch das genuin indische Publikum mittels dieser inszenierten Freundschaften über sämtliche Vorurteile und Klischees hinwegsehen.

Sie freundet sich in Paris mit einer Halbinderin an, die ihre Zeit u. A. mit Alkohol und SEX verbringt. Sie lernt auch eine muslimisch-indische Prostituierte kennen und wohnt mit drei fremden Männern in einem Zimmer zusammen – Männer, die sich trotz ihrer Andersartigkeit als warmherzig und anständig erweisen. Der Regisseur versucht gezielt den wahren Kern jener Freunde zu zeigen, so dass deren andere Lebenshaltung, Beruf, Herkunft oder anderes Geschlecht völlig in den Hintergrund rückt.

 

Sowohl Shashi als auch Rani finden sich in der Fremde allmählich zurecht. Shashi gelingt es sogar, sich heimlich für einen Englischkurs anzumelden und daran teilzunehmen. Sie ist höchst motiviert und genießt es, endlich einmal etwas nur für sich selbst zu tun. Sie macht im Laufe des Kurses sprachlich gesehen unglaublich große Fortschritte und doch wird sie nicht an der Abschlussprüfung teilnehmen können. Der Grund dafür ist, dass die bevorstehende Hochzeit genau am Prüfungstag stattfinden soll. Als ihre Familie früher als geplant in New York eintrifft, fallen ihr die Kursbesuche ohnehin immer schwerer; und so verstrickt sie sich in Lügen und Ausreden. Sie ist am Ende sogar kurz davor, alles hinzuschmeißen. Auch der französische Kommilitone, der sich in Shashi verliebt hat, bringt Verwirrung in Shashis  Gemüt. Doch ihre Nichte Radha steht ihr bei all den Heimlichtuereien bei und veranlasst schließlich, dass Shashi dennoch an der Prüfung teilnehmen kann – und zwar ohne dabei die Feier zu verpassen. Am Tag der Hochzeit überrascht Shashi die gesamte Festversammlung mit ihren neu erworbenen Englischkenntnissen. Sie hält auf Englisch eine wunderbare Hochzeitsrede über das Leben, die Liebe und die Ehe. Was Shashi jedoch nicht weiß ist, dass auch ihr Sprachkurslehrer genau zuhört und sie dadurch ihre Prüfung besteht. Auch Rani war kurz davor, sofort wieder nach Indien zurückzureisen. Doch auch sie fühlt sich allmählich immer wohler in der Fremde und vor allem in ihrer eigenen Haut. Und gerade dann, als sich Rani zum ersten Mal so richtig frei und mit sich selbst im Reinen fühlt, taucht plötzlich Vijay auf. Er war ihr bis nach Amsterdam nachgereist. Vijay, der nun verzweifelt versucht, Rani zurück zu gewinnen, ist darüber entsetzt, dass sie sich ihr Zimmer mit fremden Männern teilt. Doch Rani ist längst eine Andere geworden und so lässt sie ihn einfach stehen, um zu ihren Freunden zu gehen. Zurück in Indien übergibt sie ihm den Verlobungsring, den sie bis vor kurzem noch immer am Finger trug. Umarmend bedankt sie sich aus tiefstem Herzen bei ihm  – hatte sich doch der Schmerz seiner Trennung als jene Chance entpuppt, sich endlich selbst zu finden; ja, sich selbst wert zu schätzen. Und so dreht sich Rani mit einem breiten Lächeln von ihm weg und schreitet glücklich und frei in ihr neues Leben. Auch Shashi kehrt zurück nach Indien, allerdings gemeinsam mit ihren Kindern und ihrem Ehemann, die sie plötzlich alle in einem völlig anderen Licht wahrnehmen.

Ein Kommentar

  1. Sehr geehrte Frau Nicole Karimi,

    dein Bericht hat mich sehr bewegt und in mir die Lust geweckt, diese beiden Filme anzuschauen.
    Falls sich irgendwann in der Zukunft ein Zeitpunkt finden lässt, würde ich mich sehr freuen, mit Dir zusammen eine indische Filmnacht zu veranstalten :-).
    Mit Dir, die Du Dich so präzise und liebevoll diesem für Indien so wichtigen Thema zuwendest.
    Danke für den Einblick „ins Herzen“ dieser beiden Filme.

    Viele Grüße, auch an Milad und Nabi,
    Deine Debora (Kakadu´s Frau) Jürgasch

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.