The Namesake – Von der Geschichte eines Reisenden

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The Namesake 
Von der Geschichte eines Reisenden

             Wir sind alle aus Gogols ‚Mantel‘ hervorgegangen.“
Dostojewski

 

Die Idee für den bewegenden Film The Namesake (2006) gebar einst in der begnadeten Filmemacherin Mira Nair in einem Zustand tiefster Trauer – genauer: während ihres Fluges nach Indien, mit dem gleichnamigen Roman von Jhumpa Lahiri zur Hand. Der plötzliche Tod ihrer Schwiegermutter, hatte Sie gelehrt, wie endgültig doch solch ein Verlust ist: Werden die Schuhe ihrer Ummiso Mira Nairs erster Gedanke, nach ihrem Tod wohl nie wieder getragen. In The Namesake sind es aber gerade die Schuhe, die sogar die Voraussetzung für neues Leben schaffen: Als Ashima (Tabu) in Kalkutta endlich von ihrem Ausflug nach Hause kommt, wartet bereits eine Familie auf sie; die Familie von Ashok (Irrfan Khan) will um ihre Hand anhalten. Bevor sie sich ihnen jedoch zeigt, entdeckt sie erst noch Ashoks amerikanische Schuhe. Dieses wunderschöne, braun-weiße Lederwerk im klassischen Mafiastil, drängt sich ihr ästhetisch dermaßen auf, dass sie nicht anders kann, als mit ihren sinnlichen Füßen in diese, für nur einen kurzen Moment, hinein zu schlüpfen. Von da an sollte sie seinen Schritten auch in Zukunft folgen, denn noch an diesem Tag willigt Ashima zu der Ehe mit Ashok ein. Und so kommen ihre zwei Kinder, Gogol (Mal Penn) und Sonia (SahiraNair), nach einer Zeit der gegenseitigen Annäherung und des sich Kennen- und allmählich Liebenlernens, im fernen Amerika zur Welt.

Dem gesamten Film wohnt eine ausgeprägte Gediegenheit inne, die u. A. daher rührt, dass Mira Nair sich bei The Namesake hat sehr stark von der Fotografie beeinflussen lassen. Die starre Kameraführung, die sie selbst als die „demokratische Einstellung“ bezeichnet – d. h. eine weite Einstellung, innerhalb dieser sich die jeweiligen Schauspieler bewegen, so dass eine gesamte Szene in nur einer Einstellung abläuft –, kristallisiert sich hier also als Filmstil heraus. Diese kontinuierliche Gediegenheit bietet u. A. viel Raum für die einzelnen Protagonisten, aber auch für die Inszenierung ästhetischer und hoch emotionaler Momente. Obgleich Mira Nair selbst den geradezu untröstlichen Wunsch Ashimas, endlich wieder zurück in die indische Heimat und somit zu ihren Familien zu kehren, als das „Herz des Filmes“ bezeichnet, lässt sich meines Erachtens in The Namesake nur schwerlich ein einzelner Aspekt hervorheben; thematisiert doch Mira Nair in ihrem Film die unterschiedlichsten Problemfelder, wie etwa die Ehe (arranged marriage oder love marriage), den Kulturkonflikt bzw. -schock (cross cultur clash), die Bikulturalität, (welche besonders die Migrantenkinder in sich vereinen müssen) das Leben im Exil, (wo Familien allmählich Gefahr laufen, sich untereinander völlig zu entfremden) der »Eltern-Kind-Konflikt« und vieles mehr. Mira Nair thematisiert aber auch die Liebe zwischen Mann und Frau und die Sanftmut und Geduld, die Ashima gemeinsam mit Ashok ihren Kindern Gogol und Sonia entgegenbringen. Was aber ist das tragende Moment dieses Filmes?

So wie sich der russische Kopist Akaki Akakijewitsch in Nikolai Gogols Erzählung „Der Mantel“ völlig dem Leben entzieht und dabei noch nicht einmal seine Mitmenschen, sein Umfeld oder gar sich selbst beachtet, so verleugnet auch der Hauptprotagonist Gogol in The Namesake seine eigene Familie, seine indischen Wurzeln und somit auch seine wahre Identität – nämlich: die eines bikulturellen Zwischenweltlers. Gogol fühlt sich jedoch ausschließlich als Amerikaner und wundert sich geradezu, wenn man ihn etwa auf einer Party mit belanglosem small talk über Indien belästigt. Das Schicksal aber führt sowohl Akaki als auch Gogol an ihre Grenzen, wenn nicht sogar darüber hinaus. Akaki wäre zweifelsohne als unscheinbarer Kopist – trotz des vielen Spottes, der Beleidigungen und Belästigungen, denen er tagtäglich bei der Arbeit ausgesetzt war – bis an sein Lebensende wohl glücklich und zufrieden gewesen, hätte er sich nicht unbedingt – d. h., um nicht zu erfrieren – einen neuen Mantel kaufen müssen. Erst hat er sich dagegen gewehrt, um dann doch einsichtig in den teuren Kauf einzuwilligen. Für den Erwerb des neuen Mantels ist er schließlich sogar dazu bereit, ein halbes Jahr auf sämtlichen Luxus, wie etwa das Abendessen oder einen abendlichen Tee, zu verzichten. Akaki freut sich sogar dermaßen auf seinen Mantel, dass er allmählich beginnt, an nichts anderes mehr zu denken. Und als er ihn dann endlich tragen darf, versetzt ihn der neue Mantel überraschenderweise in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit seiner Kolleginnen und Kollegen. Gemeinsam mit Akaki wollen sie seinen neuen Mantel sogar mittels einer Party feiern. Plötzlich wird Akaki ein Teil der Gesellschaft – ein JEMAND, der tatsächlich positiv wahrgenommen wird. Allerdings ist ihm dieses Glück nicht lange gewährt, denn schon am Abend dieser Feierlichkeit, wird ihm auf seinem Heimweg der Mantel vom Leibe gerissen. Die Polizei habe angeblich nichts gesehen; und sie sei erst recht nicht dazu bereit, auch nur irgendetwas zu unternehmen. Akaki stirbt schließlich an den Folgen stärkster Unterkühlung.

Gogol ist im Gegensatz zu Akaki von Anbeginn ein Teil seines amerikanischen Umfeldes, ein Teil seiner Gesellschaft – und das auch noch auf so attraktive und gut aussehende Weise. Allerdings verschließt er sich vehement vor all dem, was er eigentlich ist; er lehnt all das ab, was ihn im Innersten ausmacht. Vor allem aber lehnt er seine Familie ab. Er lehnt sogar seinen Namen ab. Gogol, der sich später Nikhil nennt, ist sich all die Jahre seines Privilegs – nämlich: bereits im Besitz eines solchen »Zauber«-Mantels zu sein – nicht bewusst. All dies wird ihm leider erst dann gewahr, als es schon zu spät ist. Er begreift sein jahrelanges Fehlverhalten – hier: besonders seinem Vater gegenüber – erst dann, als er mit seinen eigenen Füßen in den Schuhen seines plötzlich verstorbenen Vaters steht. In diesem Augenblick muss Gogol wohl so empfunden haben, wie einst Akaki, als man ihm mit Gewalt seinen geliebten Mantel vom Leibe gerissen hat – vielleicht sogar so, als hätte man ihn selbst zerrissen.

„Der Mantel“ hat einst das Leben seines Vaters Ashok nach einem schrecklichen Zugunfall wie durch ein bloßes Wunder in letzter Sekunde gerettet. Und es ist eben dieser „Mantel“, der Gogol – später Nikhil – seinen Namen beschert. Es sollten aber einige Jahre verstreichen, bis Nikhil endlich die ganze Wahrheit über seine Namensgebung erfährt. Ashok überreicht seinem Sohn zum Schulabschluss ein Geschenk. Er sucht das Gespräch mit Gogol, doch der hält es nicht einmal für nötig, die laute Musik in seinem Zimmer leiser zu stellen. Er will das Geschenk noch nicht einmal auspacken. Erst als Ashok betont, dass er es bereits vor vier Monaten aus dem Ausland bestellt hat, befreit Gogol das Buch widerwillig von seinem Geschenkpapier: „Der Mantel“ von Nikolai Gogol. Nikhil will nur noch eines, nämlich, dass sein Vater das Zimmer verlässt; und so bedankt er sich mit einem kalten und genervten: „Thank you, Baba!“ Doch zu Nikhils Überraschung setzt sich sein Vater sogar auf sein Bett. Als Ashok zu einem Gespräch ansetzt, in dem er seinen Sohn fragt, ob er denn wüsste, warum er sich dem Werk von Nikolai Gogol eigentlich so verbunden fühlt, stellt Nikhil endlich die Musik leise und sagt weiterhin genervt, dass es ja sein Lieblingsautor sei „(…) bla bla bla“. Es gäbe aber noch einen weiteren Grund, so der Vater. Nach dessen – für das Empfinden eines genervten und pubertierenden Teenagers – viel zu langen Sprechpause, kann Nikhil schließlich sein „Hello? What’s the other reason!?!“ nicht mehr zurückhalten. Ashok macht daraufhin einen Rückzieher und tritt mit folgenden Worten aus Nikhils Zimmer heraus: We all came out of Gogol’s Overcoat. One day you will understand.“

Nikhils ablehnendes und desinteressiertes Verhalten gab seinem Vater im Grunde nie wirklich die Gelegenheit, ein emotionales Gespräch zwischen Vater und Sohn je aufkommen zu lassen – bis an jenem Tag, an dem Nikhil gemeinsam mit seiner amerikanischen Freundin Maxine (Jacinda Barrett) – genannt: Max – bei ihnen zu Hause vorbei schaut. Ashok reißt spontan seinen Sohn nach dem gemeinsamen Mittagessen aus der etwas angespannten Gesellschaft mit Ashima und Max heraus, um noch geschwind den Nachtisch – hier: das Speiseeis – zu besorgen. Unterwegs fährt Ashok dann kurz an den Straßenrand und erzählt ihm die wahre Begebenheit. Mit den Worten: „That is how I came to America and you got your name …“ beendet Ashok schließlich seine tragische Überlebensgeschichte. Nikhil erstarrt und fragt seinen Vater mit glasigen Augen: „Baba, is that what you think of when you think of me? Do I remind you of that night?“ Mit einem demütigen Lächeln gibt Ashok jedoch zur Antwort: „Not at all. You remind me of everything that followed. Every day since then has been a gift, Gogol.“

Laut Mira Nair hat Nikhil tatsächlich geglaubt, dass er in Maximes Welt passe – in die Welt der Upper East Side. Je mehr er sich von der Welt seiner bengalischen Familie distanziert, ja diese völlig von sich wegstößt, desto tiefer taucht er in die von Max ein. Er verbringt sämtliche Tage und Nächte, seine Wochenenden und auch seine Ferien gemeinsam mit Max und ihren Eltern, während seine eigene Mutter Ashima ihn nicht einmal an seinem Geburtstag telefonisch zu erreichen vermag; sie erreicht ihn noch nicht einmal dann, als sie von dem plötzlichen Tot ihres geliebten Ehemannes überrollt wird. Die traurige Nachricht erreicht ihn schließlich telefonisch über seine Schwester. Nikhil bricht sofort auf. Doch ehe er zu seiner Mutter Ashima reisen würde, steht ihm erst noch die große Bürde bevor, den Leichnam seines Vaters im Krankenhaus des Staates Ohio zu identifizieren und dessen Wohnung in Cleveland, die er für das universitäre Forschungssemester zur Verfügung gestellt bekam, zu entrümpeln. Dort stehen sie, die Schuhe seines Babas; jene Schuhe, die nie wieder von ihm getragen würden. Noch nie hat sich Nikhil seinem Vater so nahe gefühlt wie in diesem Augenblick, in dieser fremden Wohnung, in der sich sein Vater zuletzt aufgehalten hat, in diesem fremden Bett, wo der Abdruck seines Schlafes noch zu ertasten ist. In den Schuhen seines Vaters, drückt Nikhil sein Gesicht in eben diesen Abdruck so fest hinein, als wolle er mit ihm verschmelzen und ruft dabei unter Tränen: „I’m sorry Baba!“ Im fernen zu Hause entledigt sich Ashima währenddessen ihrer Hochzeitsarmreifen, ihres Schmuckes, ihres blutroten Bindis auf der Stirn und Sindhurs im Haarscheitel. Sie betrachtet sich dabei im Spiegel und muss erkennen, dass jenes Antlitz dieser Witwe von nun an zu ihr gehört. Der Tod von Ashok hat auch Nikhil zu einem anderen Menschen gemacht – zu jenem Menschen, den er all die Jahre verdrängt hat. Von diesem Augenblick an hat sich auch sein Verhältnis zu Max völlig gewandelt. Obgleich sie sich bemüht, für ihn da zu sein und ihm beizustehen, ist es doch nur der »alte« Nikhil, den sie zu greifen versucht; der »neue« Nikhil wahr ihr längst entglitten. Endlich kommt Nikhil geschorenen Hauptes bei seiner Mutter an und gibt sich ihr nach all den Jahren als der Sohn, den sie nie aufgegeben hat, in ihm zu sehen. Ashima streichelt liebevoll seinen kahlen Kopf und sagt: „You didn’t have to do this.“ Es ist ihm aber allein deshalb schon ein solch großes Anliegen, Ashima mittels dieser Geste seine Trauer zu zeigen, da auch Ashok sich damals den Kopf hat schären lassen, als ihr Vater verstorben war. 

Nikhil und Max trennen sich noch am Tag der Trauerfeier; verzweifelt fragt sie ihn, als sie seine Distanz spürt: „What do you want from me, Nick? I’m trying to be here for you, but it’s like I don’t even know you anymore.“ Daraufhin sagt Nikhil lediglich: „Max, this is not about you.“ Gemeinsam mit seiner Mutter und Schwester fliegt er kurz darauf nach Indien, um das religiöse Totenritual am Ganges zu vollziehen. Trotz der tiefen Trauer, findet Nikhil seinen inneren Frieden; er schließt sogar mit seinem alten Namen Gogol Frieden. Erst als er Monate später Moushumi (Zuleikha Robinson) kennen und lieben lernt, sie heiratet und von ihr schließlich mit einem so genannten Pierre betrogen wird, gibt es erneut einen Namen in seinem Leben, der ihn zu quälen vermag. Und so sagt er zu seiner Mutter: „For once somebody else’s name bothered me more than my own.“

Da sowohl Sonia als auch Nikhil in familiären, festen Händen zu sein scheinen, entscheidet sich Ashima endlich nach Indien – wenn auch nur halbjährlich – zurück zu kehren. Das Haus ist bereits verkauft und Nikhil soll noch die Sachen aus seinem damaligen Kinderzimmer aussortieren und gegebenenfalls entsorgen. „Und dann“, so steht es in dem Roman von Jhumpa Lahiri, „fällt sein Blick auf ein nie gelesenes, längst vergessenes Buch.“ Von der Hand seines Vaters geschrieben, steht auf der Titelseite: „For Gogol Ganguli“ und gleich eine Seite weiter: „The man who gave you his name, from the man who gave you your name.“ Nikhil kann es kaum glauben, dass er wie durch ein Wunder ausgerechnet jetzt, in letzter Sekunde, auf genau dieses Buch stößt. „Bis vor wenigen Augenblicken sollte es“, so Lahiri, „für immer aus seinem Leben verschwinden, aber durch Zufall hat er es gerettet, so wie sein Vater vor vierzig Jahren aus einem zertrümmerten Zug gerettet wurde.“ Ashima, die Nikhimit eben diesem Buch in den Händen findet, betont, dass es im Leben keine Zufälle gäbe: „Baba made you find it. He is with us.“ Nikhil lässt all die schönen Kindheitserinnerungen, aber auch all die versäumten Momente, in denen er seinem Vater hätte mehr Beachtung schenken sollen, Revue passieren.  

Ähnlich wie Akaki, der in Gogols Erzählung „Der Mantel“ nach seinem Tod als Gespenst sein Dasein fristet – zumindest so lange, bis dieser derjenigen Person den Mantel stielt, die sein Leben hätte retten können –, so schwirrt auch Ashok von da an in den Gedanken seines Sohnes. Nikhil folgt jenem Rat, den einst sein Vater von einem fremden Mann im Zug kurz vor dem tragischen Unglück erhielt: „You are young. Your are free. Pack a pillow and a blanket. Go and see the world. You will never regret it.“ Und so packt Nikhil eine Decke ein, steigt in den Zug, beginnt in seinem Buch „Der Mantel“ zu lesen und macht sich endlich auf den Weg, um die Welt für sich zu entdecken.

 

 

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