Chashme Baddoor (1981 & 2013)

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Chashme Baddoor (1981 & 2013)

„Sind es zwei, die sich erlesen, Daß man sie als Eines kennt?“
 Goethe, 1819

 

“Same, but different!”, ist wohl das geeignetste Motto, um die beiden Filme mit ein und demselben Titel, miteinander zu vergleichen: Chashme Baddoor aus dem Jahr 1981 und 2013. Zu einem offiziellen „Hit“ sollte es, so die Statistik der Box Office India, allerdings nur einer der beiden, nämlich der neuere Film, schaffen. Schlimmer noch: Chashme Baddoor aus dem Jahre 1981 findet innerhalb dieser Statistik (www.boxofficeindia.com) noch nicht einmal seine Erwähnung. Und das obwohl der gleichnamige Vorläufer dieser lustigen Liebeskomödie meines Erachtens sogar noch etwas besser gelungen ist, als seine Neuverfilmung von 2013. Die Dramaturgie, die Zusammensetzung und das Zusammenspiel der Akteure/innen, sind bei beiden Filmen geradezu identisch: So etwa das Happy Ending! Beim genaueren Hinsehen sind es am Ende doch zwei Enden, welche unterschiedlicher wohl kaum sein könnten, obgleich sie sich in gewisser Weise irgendwie dennoch sehr ähneln – eben: Same, but different!

Drei junge Studenten, Siddhart, Omi und Jai, die bis auf das Rauchen (1981), das Zusam­men­wohnen (1981 u. 2013) und das gemeinsame Abhängen (2013) kaum etwas gemeinsam haben, sind dennoch die besten Freunde. Die Namen der drei Freunde sind in beiden Filmen nicht nur identisch, sondern wurden zudem auch in beiden Fassungen ähnlich besetzt: Siddhart (Farooq Sheikh u. Ali Zafar) verkörpert den attraktiven, strebsamen und erfolgreichen Studenten, der das Herz der begehrten Haupt­protagonistin (Neha von 1981 u. Seema von 2013) völlig zufällig erobert. Während Siddhart bzw. Sid (2013) stets gewissenhaft die meiste Zeit mit lernen und lesen verbringt, gehen Omi (Rakesh Bedi u. Divyendu Sharma) und Jai (Ravi Baswani u. Siddhart) ständig nur auf Mädchenjagd; und so lautet etwa deren Lebensweisheit: “If you can’t change the girl, change the girl!“ Während Jai noch im ersten Film (1981) den weniger attraktiven Poeten repräsentiert, so nimmt er durch den südindischen und gutaussehenden Schauspieler Siddhart in der Fassung von 2013, allein schon in optischer Hinsicht, eine schöne Gestalt an, während er vom Wesen her allerdings an die Rolle des Omis von 1981 erinnert. Omi selbst, der noch in den 80ern naiv und eher trottelig auftritt, avanciert 2013 schließlich zum Poeten, der aber wiederrum an die Rolle des Jais von 1981 erinnern lässt. Diese spielerischen Über­schneidungen kommen in der neuen Fassung von Chashme Baddoor (2013) ständig vor und erwecken fast schon den Eindruck, als würde auf sehr amüsante Art und Weise beliebig mit der ersten Fassung (1981) gespielt werden.

Jede Liebeskomödie bedarf auch einer prickelnden Liebes­geschichte. Und so berichtet Chashme Baddoor (1981 u. 2013) von der Liebe zwischen dem strebsamen Sid(dhart) und der begehrten Neha (1981) bzw. Seema (2013). Was Sid(dhart), im Gegensatz zu seinen Freunden, aber noch nicht weiß, ist, dass seine Geliebte gleich in der Nachbarschaft wohnt. Der Film Chashme Baddoor berichtet auch von der Freundschaft „und“ von der Eifersucht innerhalb derselben. Der Filmtitel verrät dies ohnehin vorab, steht dieser doch in dem Kontext des „bösen Blickes“, dem weitverbreiteten Glauben, der selbst wiederrum in einem engen Zusammenhang mit Eifersucht und Neid steht. Wie schon erwähnt sind Jai und Omi bereits auf die hübsche Nachbarin Neha bzw. Seema aufmerksam geworden. In ihren Annäherungsversuchen scheitern beide jedoch kläglich. Die jeweiligen Niederlagen halten Jai und Omi jedoch keineswegs davon ab, den anderen Freunden eine verlogene und heiße Liebesgeschichte aufzutischen. Jedes Mal, d. h. in beiden Filmfassungen, begegnet Neha bzw. Seema ganz zufällig ihrem zukünftigen Sid(dhart). So wirbt Neha etwa in der Version von 1981 völlig ahnungslos zufällig in der Wohnung von Siddhart, Jai und Omi für ein Waschmittel. Da Omi und Jai bei dem bloßen Anblick Nehas bereits die Flucht ergriffen haben, demonstriert sie allein für Siddhart das Wundermittel Chamko. Siddhart und Neha erhaschen einen innigen Moment und verlieben sich in einander. Von da an sind Siddhart und Neha schließlich unzertrennlich und verabreden sich regelmäßig. Im Laufe ihrer Beziehung stellt sich heraus, dass Nehas Vater sogar Siddharts Chef seiner neuen Arbeitsstelle ist. Alles scheint blendend zwischen dem Liebespaar zu laufen. Einer Heirat steht also nichts mehr im Wege … wären da nicht Siddharts Freunde Omi und Jai gewesen!

Auch in der Version von 2013 trifft Sid ganz zufällig auf Seema: Er hält sie für sein Blind Date, welches seine Mutter arrangiert hatte.  Sid und Seema verstehen sich auf Anhieb ausgezeichnet und beginnen sofort miteinander zu flirten. So flirten und unterhalten sie sich so lange, bis plötzlich die echte Seema vor ihnen steht; diese versichert ihm jedoch noch im selben Augenblick, dass sie ohnehin einen anderen Mann liebe. Während dessen muss die falsche Seema plötzlich die Flucht ergreifen. Ihr strenger Vater, der einen Detektiv auf sie gehetzt hat, will Seema endlich zu einer arrangierten Ehe zwingen. Das Schicksal aber führt Sid und Seema jedoch schon sehr bald wieder zusammen. Sie verlieben sich und so stehen auch sie bereits kurz vor der Ehe … wären da nicht wieder Jai und Omi gewesen!

Die zwei Freunde Omi und Jai schäumen geradezu vor Wut und Neid, als sie von der schockierenden Liebesbeziehung zwischen ihrem besten Freund Sid(dhart) und Neha/Seema erfahren. In der Fassung von 1981 hat es Siddhart sogar gewagt eine der wenigen Gemeinsamkeiten der drei Freunde – nämlich: das Rauchen – für Neha aufzugeben. Daraufhin schließen Jai und Omi, die sich von ihrem Freund hintergangen fühlen, einen teuflischen Packt: Entschlossen wollen sie alles dafür geben, um Sid(dhart) von Neha/Seema zu trennen! Mittels zahlreicher Lügen gelingt ihnen dies sogar. Doch anstelle des Triumphes überkommt sie die Angst, denn Sid(dhart) scheint an den Lügen seiner „Freunde“ zu zerbrechen; ihm geht es von Tag zu Tag schlechter. Jai und Omi befürchten, ihr Freund könne sich selbst etwas antun und entschließen sich dazu – nach dem sie sich erst einmal gegenseitig ihre Lügen über Neha/Seema gestehen –, all ihre Lügen ihrem Freund Sid(dhart) zu beichten und ihn schließlich wieder mit Neha/Seema zusammen zu bringen. Um  den neuen Packt realisieren zu können, müssen Omi und Jai allerdings erneut lügen; sie inszenieren dafür sogar eine Entführung. Dafür weihen sie nicht nur Sid(dhart) mit ein, sondern auch die Oma (1981) bzw. Tante (2013) von Neha/Seema. Während die Entführung von 1981 zu eskalieren droht, da Neha zufällig in die Hände echter Kidnapper gerät, bleibt es 2013 nur bei der reinen Inszenierung einer Entführung unter Freunden, d. h. ganz ohne das Aufkommen realer Gefahren von außen. Am Ende gibt es in beiden Fällen ein Happy End und doch können die Filmenden in ihrer Wirkung kaum unterschiedlicher sein. Die Qualität des jeweiligen Film-Endes erweist sich hier also als „das“ entscheidende und vor allem als „das“ vergleichende Merkmal. Das Ende der neuen Filmfassung (2013) wirkt im Vergleich zu seinem Vorläufer (1981) geradezu plakativ – fehlt ihm doch jedweder Bezug zu seinem Filmtitel Chashme Baddoor, was soviel bedeutet wie:Fern sei der böse Blick!“ Die 80er-Jahre-Fassung scheut sich jedoch nicht davor, einen logischen – häufig sogar auch visuellen (z. B. mittels einer Maske oder der chashme baddūr-Schutzformel etc.) – Bezug zu dem Titel herzustellen; denn es ist gerade die Eifersucht der beiden Freunde, die erst durch den zerstörerischen Teufels-Packt ihre gewaltige Wirkkraft findet. In dem Omi und Jai ihrem Neid bewusst nachkommen, sich diesen also böswillig aneignen, manifestiert sich der „böse Blick“ (chashm-e bad) in der kausalen Welt. Siddhart und seine geliebte Nehaah drohen daran – hier: an der Wirkkraft des „bösen Blickes“ – zu zerbrechen. Der „böse Blick“ entwickelt eine Eigendynamik, welche noch kaum aufzuhalten ist, obgleich postum für das Liebesglück bitterlich gekämpft wird. Es gelingt Jai, Omi und Nehas Großmutter im letzten Augenblick doch noch, die Kausalkette des „bösen Blickes“ zu durchbrechen. Endlich steht einer Hochzeit zwischen Siddhart und Neha aber auch der zwischen Sid und Seema nun wirklich nichts mehr im Weg.

 

Eine ähnliche Fassung dieses Artikels findet ihr in  der August/September-Ausgabe des india!-Magazins von 2013

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