Ein Tanz der Götter

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Ein Tanz der Götter

„Put your heart into dance and dance will never leave your heart”
ABCD –  Any Body Can Dance

In kaum einem anderen Land steht der Tanz in einem so engen Verhältnis zur Religion wie in Indien. Das klassische Fundament indischer Künste ist, systemimmanent gedacht, von göttlicher Natur; leiten sie sich doch alle von dem so genannten fünften Veda, dem Nātya­śāstra ab.

Das Nātya­śāstra ist eine auf Sanskrit überlieferte Lehrschrift, welche sich selbst als göttlich offenbart begreift. Diese Lehrschrift berichtet von diversen Kunstfertigkeiten, aber auch von unterschiedlichen Gemütszuständen und Emotionen. Obgleich das Nātya­śāstra das Fundament aller klassisch indischen Künste bildet, verstehen diese sich heute allerdings auch – an dieser Stelle sei beispielsweise die Rede von Tanz, Schauspielerei, Musik oder Gesang – als konstitutive Momente der indischen Popkultur. Dennoch gründen sie alle auch weiterhin auf ihrem religiösen Fundament. So kann die indische Film­geschichte nicht ohne die klassisch indische Traditionsgeschichte gedacht werden. Die indische Filmgeschichte beginnt – im Gegensatz zur Filmgeschichte Hollywoods – in der Mythologie. Und von dieser hergedacht, ist, um beim Tanz zu bleiben, der Ursprung der Tanzkunst: die göttliche Liebe. Schließlich habe sich Gott Brahma ganz unverhofft in die von ihm selbst erschaffene Göttin der Künste, Sarasvati, verliebt. Als diese schließlich seine Liebe erwiderte, hätten sich, so die mythologische Erzählung, ihre Schritte und Gebärden zu Tanz, ihre Worte zu Poesie und geradezu jeder ihrer Laute zu Musik geformt. Sarasvati wurde Brahmas Muse und gemeinsam gebaren sie über sechzig Künste; allen voran, die Kunst des Tanzes. Bis zum heutigen Tag wird der klassisch indische Tanz in sieben hochentwickelte Formen unterteilt; darunter gilt Bharatanatyam als die älteste Tanzkunst. Darüber hinaus spielt der Tanz, neben der Musik, auch eine sehr bedeutende Rolle im indischen Film; in dem aktuellen Film ABCD – Any Body Can Dance (2013), dem ersten indischen 3D-Tanzfilm überhaupt, bildet der Tanz sogar auf äußerst spirituelle Weise die dramaturgische Rahmen­bedingung.

Gilt nun die Liebe als göttliches Ur-Motiv für die Entstehung bzw. für die Geburt des Tanzes, so ist Gott selbst – hier: Brahma – als Urheber dieser Kunst zu begreifen. Die indische Philosophie geht von jener Vorstellung aus, dass Schwingung und Bewegung der materiellen Schöpfung vorangegangen seien und diese somit den Ursprung des Weltalls gebildet hätten. Dies wird beispielsweise auch, wie wir an späterer Stelle noch genauer erfahren werden, in dem oben genannten Film ABCD – Any Body Can Dance thematisiert. Vor diesem Hintergrund also – nämlich: dass Schwingung und Bewegung der materiellen Schöpfung vorangegangen seien – beruhe das Universum auf einem Prinzip des Schwingens. Der Ursprung der Welt könne daher gleichsam als eine Art Ur-Tanz begriffen werden. Aus der Schwingung sei einst der Klang, sowie aus dem Klang die Musik entstanden. Dort, wo etwas schwingt und sich bewegt, entsteht Tanz. Und in allem, das schwingt, sich bewegt – somit auch in allem, das tanzt – oder gar Klänge von sich gibt, dort verweilt das Göttliche. Ist das Göttliche in der Schwingung anzufinden – ja, wenn Gott sogar die Schwingung selbst ist –, dann ist Gott nicht nur in allem, das tanzt, sondern Gott selbst wird zum ontologischen Seins-Begriff des Tanzes. Und so ist es nicht verwunderlich, dass etwa alle sieben klassischen Tanzkünste Indiens bis zum heutigen Tag Grundelemente aufweisen, die eine Verehrung Gottes zum Ausdruck bringen oder gar unterschiedliche Götter symbolisieren. So wird z. B. auch jeder Tanz, im Gedenken an das Göttliche, mittels einer ganz bestimmten Abfolge von Bewegungen, dem Namaskaram, sowohl eingeleitet als auch beendet. Genau dieses Namaskaram, wenn auch in verkürzter Weise, lässt sich sogar in dem bereits erwähnten Tanzfilm ABCD – Any Body Can Dance (2013) finden.

Vishnu (Prabhu Deva), der Hauptprotagonist von ABCD – Any Body Can Dance, fühlt sich dem Tanz im wahrsten Sinne des Wortes existentiell verpflichtet; ihm bedeutet das Tanzen nicht nur alles, er verdient damit auch sein Geld; und das schon seit über 15 Jahren mittels harter Arbeit als Choreograph in der mitbegründeten Tanzakademie Jehangir Dance Company (JDC) in Mumbai. Es trifft ihn daher sehr hart, als er von seinem Geschäftspartner und Manager Jehangir Khan (Kay Kay Menon) entlassen wird. Er fühlt sich völlig von seinem einst so engen Freund Jehangir verletzt und völlig im Stich gelassen. Die Entscheidung ist gefällt: Er möchte Mumbai so schnell wie möglich mit dem Chennai Express verlassen. Sein Freund Gopi (Ganesh Acharya) will von Vishnus Plänen nicht nur nichts wissen, er zerreißt sogar das Zugticket vor seinen Augen. Auf der Terrasse, versucht Gopi seinem Freund Vishnu Mut zuzusprechen, es würde schon alles wieder gut werden: Lord Ganpati will shower his blessings on you!“ Schließlich sei morgen Ganesha Chaturthi, das jährlich stattfindende Straßenfest zu Ehren Gott Ganpatis bzw. Ganeshas. Bei dieser religiösen Festlichkeit, die aufgrund zahlreicher, umhergetragener Ganesha-Statuen einer religiösen Prozession gleicht, wird zusätzlich auf offener Straße nicht nur laut gesungen, sondern auch wie wild getanzt und musiziert; genau das tun auch einige tänzerisch sehr begabte Jugendliche in dem Film ABCD – Any Body Can Dance. Sie tanzen auf so beeindruckende Art und Weise um die Wette, dass Vishnu nur noch eines möchte: diesen Jugendlichen das Tanzen professionell zu lehren! Obgleich das Tanz-Battle in einer heftigen Schlägerei endet, ist Vishnu dennoch entschlossen, mit ihnen arbeiten zu wollen:

„God mad this world. He created the plants and animals (…). And then he gave them dance. Leaves dance in the breeze. Rivers flow to a rhythem. Fish swimming, birds flying … dance is everywhere. Dance is the sign of life (…). Anything that moves to the beat of nature signifies life. (…) Everyone around here is dead. They are like machines. But their eyes light up with life when they dance. I’ve seen it at the Ganpati farewell.”

Endlich hat Vishnu wieder ein Ziel und eine Vision. Das Ende seiner Karriere bei JDC sieht er plötzlich als eine göttliche Fügung: „I guess Ganpati wanted me to leave JDC in order to come here.“ Allerdings ist das Unterrichten dieser wilden Gruppe alles andere als einfach, mangelt es ihnen doch an so vielem – vor allem an Disziplin, Vertrauen und Respekt. Aber am meisten mangelt es ihnen an Anerkennung und Halt. Doch auch sie sind getragen von der inneren Leidenschaft zum Tanz. Sie kämpfen; wenn es sein muss, sogar auch – wie im Falle des muslimischen Tänzers D – gegen die Erwartungen ihrer Eltern. Gemeinsam als das Dhongri Dance Revolution-Team (DDR) schaffen sie es sogar zur Qualifizierung für den großen Tanzwettbewerb „Dance Dil Se“; allerdings zunächst nur als vermeintliche Lachnummer. Die Tänzerinnen und Tänzer des DDR-Teams arbeiten strebsam auf das große Finale hin; sie arbeiten hart für den Traum, den Vishnu in ihren Herzen erweckt hat. Sie wollen tanzen, um zu leben. Doch leider verstirbt der talentierte Chandu gerade dann, als er es endlich geschafft hat, von seiner Drogensucht abzukommen. Inmitten der großen Trauer erhält das DDR-Team schließlich die Zusage, es tatsächlich in das Finale von „Dance Dil Se“ geschafft zu haben. Die Choreographie für den letzten Aufritt steht in Perfektion. Alle sind für den finalen Tanz bereit. Unmittelbar vor ihrem letzten Auftritt stellen DDR allerdings fest, dass ihre gesamte Choreographie bereits vor ihren Augen getanzt wird und zwar von der JDC. Jehangir Khan war es gelungen Mayur, einem Tänzer des DDR-Teams für sich und somit für die JDC zu gewinnen. Die Niederlage steht allen DDR-Tänzern und Tänzerinnen noch vor ihrem bevorstehenden Aufritt geradezu ins Gesicht geschrieben. Doch Vishnu will nicht aufgeben. Er will die spirituelle Kraft, die er während des religiösen Straßenfests bei all seinen Tanzschülern und Schülerinnen erlebt hat, spontan auf die Tanzbühne bringen. Die Bühne von „Dance Dil Se“ hat sich nun in jene Straße verwandelt, auf der in Gedenken an Ganpati bzw. Ganesha laut gejubelt, gesungen, musiziert und getanzt wird – so, wie dort einst auch Vishnu umschlungen mit seinem damaligen Freund Jehangir getanzt hatte. Das Publikum ist zu tiefst berührt. DDR gewinnt den Tanzwettbewerb haushoch. Überall werden Freudentränen vergossen. Auch Ds Vater, Quraiśi Bhai, der den Tanzauftritt live über das Fernsehen mitverfolgt, muss vor Rührung weinen. Den vielen Tränen folgt auch eine wahrhaftige Anerkennung; eine Anerkennung, salutiert von dem weinenden Jehangir, voller Reue und Demut vor Vishnu und vor dem Göttlichen.

Der Tanz gleicht hier geradezu einem Gebet, in dem sich der Mensch Gott tanzend zuwendet. Bereits in der klassisch indischen Tanztradition steht im Zentrum der tänzerischen Thematik die Verehrung der Götter. Im Zusammenspiel diverser Rhythmen, Klänge, Melodien und Gesang werden Geschichten  indischer Götter, Göttinnen, Helden und Heldinnen anhand tänzerischer Gebärden (auch mittels Verkleidung und Maskierung, wie z. B. im letzten Tanzauftritt von ABCD – Any Body Can Dance) erzählt. Und so versteht sich etwa der klassisch indische Tanz als ein Tanz der Götter. Gott wird im Tanz für den Menschen erfahrbar. Im Tanz wird stets – ja, geradezu als ein sich unendlich wiederholender Akt – die göttliche Tanzkunst im Tänzer immer wieder aufsʹ Neue gebärt. Der Tänzer begibt sich also im Tanz auf die Suche nach dem Göttlichen – nach dem Göttlichen in sich selbst. Wann immer sich der „göttliche“ Tanz ereignet, offenbart sich Gott dem Menschen in einer Art Selbstreflexion; ist es doch am Ende immer nur der EINE, d. h. Gott selbst, der tanzt. Vor diesem Hintergrund lohnt es, sich das eingeblendete Schlusszitat von ABCD – Any Body Can Dance nochmals vor Augen zu führen (siehe oben); der Mensch solle sich dem Tanz öffnen – genauer: er solle dem Tanz in sein Herz Einlass gewähren –, woraufhin dann der Tanz für immer dort verweilen werde – nämlich: im Herzen. Ohne näher darauf einzugehen, was genau mit „Herz“ gemeint ist, könnte man das Zitat auch wie folgt lesen: „Put your heart into God and God will never leave your heart.“

 

 

 

 

 

Hier könnt ihr mehr über die Tänzerin & Tanzlehrerin Hasita Sonn aus Freiburg erfahren:
https://www.facebook.com/indischerTanzFreiburg

Ein Kommentar

  1. Gelungener Artikel, weiter so! 🙂

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